SMART Schwachsinn

Ziele müssen SMART sein?! Der SMART Schwachsinn

Wenn du weißt, wo du hin willst, und dir Ideen aufgeschrieben hast, an denen du in Zukunft arbeiten willst, dann bist du auf dem Weg zu einem selbstbestimmten Leben bereits ein ganzes Stück voran gekommen. Du gibst deinem Handeln eine Richtung und lässt dich nicht von Anderen beeinflussen, wo dein Weg hin geht. Wie man diese Ideen nun als Ziele formulieren soll; da scheint es nur eine klare Antwort drauf zu geben: Sie müssen SMART sein.

Wenn es um Zielfindung und Zielsetzung geht springt einem das SMART-System jedes Mal direkt entgegen. Um „richtig“ zu sein, müssen Ziele SMART (Specific Measurable Accepted Realistic Time Bound, zu deutsch: Spezifisch, Messbar, Attraktiv, Realistisch, Terminiert) sein. Warum diese Vorgabe deine Ziele größtenteils unnötig durcheinanderbringt, verkompliziert und deine Erfolgschancen verringert, das erfährst du jetzt.  

Spezifisch

Der erste Buchstabe der Zusammensetzung SMART ist auch schon der Sinnvollste. Spezifisch meint, dass du genau weißt, was du erreichen willst und worauf du hinarbeitest. Du musst haargenau wissen, wie es aussehen soll, dass es dir gefällt.

Beispiel: „Ich will mehr Sport treiben“. Dieses Ziel liefert dir keine Klarheit. Das Bild dazu ist schwach und undeutlich. Dein Ziel sollte dir Sicherheit geben, dir genau aufmalen, was du tun musst und, wie oft du es tun musst, damit du dein Ziel erreichst. „Mehr Sport“ liefert das nicht. Der Rahmen, indem du dich bewegen kannst ist zu breit und einen Endpunkt visierst du auch nicht an. Wenn du diese Idee umwandelst und sagst „Ich laufe einen Marathon„, dann bringt dir das Klarheit in deinen Wunsch, mehr Sport zu treiben. Es gibt tausende vorgefertigter Trainingspläne. Du weißt ganz genau, was du wann tun musst, wann du Laufen gehst, wann Schwimmen, Krafttraining – du kennst das Ziel haargenau und du kennst den Weg – zumindest ungefähr. Spezifische, glasklare Ziele zu wählen, bringt dich nach vorne.

Messbar

Für das zweite Kriterium von SMART, die Messbarkeit, kann man die eigenen Ziel in vier Gruppen aufteilen:

  • Ziele, die erst spezifisch dadurch werden, dass man sie messbar macht
  • Ziele, die bereits messbar sind, sobald sie spezifisch sind
  • Ziele, in denen Messbarkeit unnütz ist
  • Ziele, in denen Messbarkeit nichts verloren haben

Für die erste Kategorie ist es sogar absolut nötig, die Ziele messbar zu machen. Diese werden erst dadurch spezifisch, dass man sich eine gewisse Zahl oder einen Punkt setzt, ab dem man es erreicht hat. Gerade in Unternehmen ist es wichtig, sich bestimmte Umsatz- oder Gewinnziele zu stecken. Ein (unspezifisches) Ziel eines Unternehmens ist es in 99% der Fällen, den Gewinn zu maximalisieren. „Mehr Gewinn“ ist hingegen absolut unspezifisch und liefert kein klares Bild. Hier ist es notwendig, das Ziel messbar zu machen, damit es auch spezifisch ist. „Gewinnsteigerung um 5%“ ist ein passendes Beispiel für ein Ziel, dass mithilfe der Messbarkeit spezifiziert und somit erreichbar gemacht werden kann. Ohne das M wäre hier das S gar nicht erst möglich 😉

Der zweite Typ von Zielen bedarf keiner speziellen Messgröße – sie sind bereits messbar, weil sie vorher spezifiziert wurden. Ob „Ich laufe einen Marathon“ bereits erreicht wurde, ist aufgrund der Klarheit, die dem Ziel unter Punkt S gegeben wurde, bereit zu jedem Zeitpunkt überprüfbar. Weitere Beispiele sind „Ich höre mit dem Rauchen auf“ oder „Ich finde einen neuen Job“.

Der dritte Typ von Zielen, sind meist die Ziele, die weniger im beruflichen, sondern eher im privaten Kontext vorkommen. Es sind Ziele, die man einfach nicht in Messzahlen packen kann. „Ich habe mehr Energie im Alltag“ oder „Ich möchte meinen Stress reduzieren“ – man kann klare Handlungsschritte aus diesen Formulierungen ziehen und hat meist auch ein klares Bild davon, wie der Alltag nach Erreichen des Ziels aussieht, doch zu versuchen, sie in irgendwelche Zahlen zu quetschen, weil ein Ziel ja messbar sein muss, macht die Sache nur kompliziert. Ich liebe Kontrolle, doch hier kann man nichts kontrollieren. Man wird irgendwann auf seine Zieleliste schauen und merken, dass man sie erreicht hat – auch ohne, dass das Ziel messbar war 😉

Zuletzt kommen zum M in SMART noch die Ziele, in denen Messbarkeit nichts verloren hat. Das sind die Ziele, in denen es um Zwischenmenschlichkeit und Beziehungen geht. Ob man die Beziehung zu seinen Kindern verbessern, Freundschaften in einem Verein aufbauen oder mehr Zeit mit dem Partner verbringt will – in sozialen Zielen ist Messbarkeit nicht nur unglaublich schwierig, sondern auch einfach fehl am Platz. Eben genannte Ziele sind toll für jede Zieleliste und sorgen dafür, dass allen Bereichen seines Lebens eine Richtung gibt, doch jeglicher Versuch, solche Ziele zu SMARTen Zielen zu machen und somit messbar, halte ich für eine ziemlich perverse.

Attraktiv

Stell dir vor, du hast viel Zeit darin investiert, Ideen zu Brainstormen und deine Ziele zu spezifizieren. Jetzt gelangst du beim A der SMART-Formel an: Dein Ziel soll für dich attraktiv sein. Du streichst alles raus, was dir nicht auf Anhieb gefällt und woran du nicht gerne arbeitest. Es mag vielleicht meine persönliche Sicht sein, doch dieses Streichen nach Gründen der Attraktivität ist schwachsinnig. Ich schreibe auch lieber Blogartikel, doch meine Klausuren an der Uni möchte ich allerdings auch mit guten Noten hinlegen. Ich laufe lieber drei Runden um den See, statt Montags zum nötigen Stabilisations-Training zu gehen. Es gibt auch Tage, da habe ich einfach kein Bock auf dies, das oder jenes. Lass in die Planung deines Lebens keinen Hedonismus einziehen – Spaß kann nicht das einzige Kriterium für dein Handeln sein. Es ist toll, wenn du alle deine Ziele attraktiv findest, doch es wird immer etwas geben, dass dir eher weniger Spaß bereitet, dass man aber aus rationalen Gründen weitermachen sollte. Überleg, ob dich dieses Ziel weiter bringt, ob es dein Leben aufwertet und streiche nicht einfach alles aus, was dich auf den ersten Blick nicht total vom Hocker reißt.

Realistisch

Spätestens beim vierten Buchstaben in SMART müsste jeder, der mal ein bisschen über Persönlichkeitsentwicklung und persönliche Weiterentwicklung gelesen oder sogar geschrieben hat, die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.

Beleib realistisch.. Denk doch mal nach.. Ob du das schaffst..

Da setzt sich jemand an den Schreibtisch, schreibt alle seine Wünsche, Träume und das, mit dem er sein Leben zu einer großartigen Erfahrung machen will, auf und dann kommt das SMART-System und schmeißt die Hälfte beim Buchstaben R wieder raus. Bullshit! Deine Zieleliste braucht Ziele, die außerhalb deiner Komfortzone liegen; die so groß sind, dass du davor Angst hast; die dir niemand zutraut und du trotzdem alles gibst. Seine Ziele „realistisch“ zu machen ist der dümmste Vorschlag zu Zielsetzung überhaupt. Wer sich auf 08/15 Ziele runter drücken lässt, wird auch immer nur 08/15 Ergebnisse kriegen und sämtliche Storys der Selfmade-Milliardäre, der Sportstars oder der großen Erfinder wären vollends ausradiert. Wenn du einen Traum hast, der unrealistisch ist: Scheiß drauf und gib alles, statt dich mit 08/15 zufrieden zu geben.

Terminiert 

Beim letzten Buchstaben schlägt die SMART Formel vor, seinen Ziele ein Datum als Deadline zu setzen. Ich habe das auch schon oft versucht – es hat nie etwas gebracht. Sich für jedes Ziel stumpf ein Datum zu überlegen hat mehrere Nachteile. Zunächst soll diese imaginäre Deadline eine gewisse Dringlichkeit bringen: Ich möchte so wenig Dringlichkeit wie möglich in meinem Alltag. Viele von uns haben bereits im Studium oder auf der Arbeit etliche Fristen und Deadlines, die sie vollkommen unter Druck setzen und die man kaum im Auge behalten kann. In Zeiten von Burn-Out und anderem Stress sollte man seine Fristen möglichst gering halten. Zum anderen sind es lediglich bloße Schätzungen, wann man sein Ziel erreicht. Gerade im privaten Umfeld verliert sich die Dringlichkeit des gesetzten Datums häufig.

Die Produktivität, die Terminierung durch Druck und Stress bringen soll, lassen sich viel besser über die Zielplanung regulieren. Man sollte sich immer zu maximaler Produktivität steigern, indem man verschiedene Arbeitsweisen ausprobiert, einfach sein Handy ausschaltet, sich gewisse Arbeitszeiten zurecht legt oder eben das, was für dich am Besten klappt. Doch die Balance zwischen Leistung bringen und sich selbst etwas Gutes zu tun wird durch Fristen und Terminierung vollends zerstört. Ein Abend mit Freunden, ausreichend Schlaf, der Partner.. – die Kunst auf dem Weg zu den eigenen Zielen besteht darin, sich die Auszeiten und die Bedürfnisse nach sozialem Austausch, Liebe oder sonstigem ausreichend zu gönnen und trotzdem die Zwischenzeiten produktiv zu gestalten. Dies wird nicht dadurch erreicht, sich blind Fristen zu setzten, sondern indem man ein Gespür dafür entwickelt, was man gerade an Ausgleich braucht und diesen Ausgleich komplett zu genießen und eben nicht, an irgendwelche Fristen denken zu müssen.

Fazit

Wer sich steif an die SMART Formel hält, der läuft in eine Sackgasse. Es gibt Ziele und Menschen, für die funktioniert sie wunderbar. Doch wer sagt, Ziele müssten unbedingt SMART sein, der macht es sich zu einfach. Es gibt Ziele, die sind und sollten einfach nicht messbar sein, genauso wie es Ziele gibt, die wir uns setzen, obwohl sie uns eher weniger Spaß bereiten. Alle Ziele raus zu Streichen, gegen die unser Verstand Einwände findet, wird uns in ein langweiliges Leben innerhalb unserer eigenen gedanklichen Schranken führen.

Schmeiß die SMART-Formel in den Müll und denke selber nach, ob ein Ziel sich für dich richtig anfühlt!

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